Ich habe über zwanzig Jahre in Frankreich gelebt. Ich liebe die französische Kultur, die Leichtigkeit, die langen Abendessen, die Champagnerlaune.
Aber jedes Jahr, sobald der November kippt und der erste Advent ganz leise um die Ecke schaut, passiert es:
Ich werde plötzlich sehr, sehr deutsch.
Nicht bürokratie-deutsch. Sondern Honigkuchen-Kinderzeit-Glitzer-deutsch.
Der Advent schmeckt für mich nach Keksen, Zimt und dem Duft von Honigkuchen, der mich gedanklich direkt in die Küche meiner Eltern katapultiert. Dort wurden im Dezember Tonnen von Plätzchen gebacken. Wirklich Tonnen. Und sie wurden nicht gehortet, sondern mit einem fast missionarischen Eifer verschenkt – an Nachbarn, Freunde, den Postboten. Ich stand als Kind daneben, habe ausgestochen, verziert, dekoriert, geglitzert. Diese Mischung aus klebrigen Fingern, Zuckerguss und strahlenden Gesichtern: Das ist mein Advent.
Und dazu gehörte auch mein ganz eigenes Ritual: Ich habe jedes Jahr in der Nacht zum Nikolaus vor meiner Zimmertür geschlafen, in der Hoffnung, ich würde ihn endlich mal hören.
Ich sag’s dir: Er war absolut lautlos. Jedes einzelne Jahr.
Wie ich deutsche Weihnachtstraditionen nach Frankreich exportierte
Frankreich ist wunderbar, aber es gibt dort ein paar Dinge nicht:
- keine Adventskränze
- keinen Nikolaus
- keine ernstzunehmende Plätzchenkultur
- und Adventskalender, die eher als Deko denn als Herzprojekt gesehen werden
Also habe ich alles selbst hingeschleppt.
Jahrelang flog ich mit Adventskranz-Rohlingen im Koffer hin und her, bis ich mir schließlich einen gekauft habe, den ich seither jedes Jahr selbst binde. Adventskalender wurden selbstverständlich liebevoll befüllt, nie gekauft. Und einmal — zur großen Verblüffung meines französischen Freundeskreises — habe ich eine Plätzchen-Back-Adventskalender-Challenge gemacht:
Jeden Tag eine neue Sorte.
Ich glaube, sie hielten mich für verrückt. Ich hatte die Zeit meines Lebens. Ich sag` dir jetzt mal nicht, wie nervenaufreibend der Transport von Zuckerrübensirup im Koffer ist!
Vin chaud hingegen… ach ja. Der französische Glühwein. Sie versuchen es ja.
Aber der deutsche schmeckt mir besser.
Essen, Dramen & die Frage, was „Weihnachten“ eigentlich bedeutet
Weihnachten riecht in Frankreich oft nach feinem Essen, mehreren Gängen, Meeresfrüchten, Champagner – und ich liebe das.
Dabei gab es in meiner Kindheit gab es am 24. Dezember Kartoffelsalat mit Bockwürstchen.
Eine Tradition, die mein Mann genau ein einziges Mal mit mir zuliebe seiner Schwiegereltern ausprobiert hat. Zumindest sein foie gras hatte er dabei.
Aber so richtig weihnachtlich fühlte er sich nicht. Kann ich verstehen. Ich mag es inzwischen auch gerne feiner, festlicher, besonderer.
Gefeiert wird bei uns wie in Deutschland am 24. Dezember, nicht am 25. wie in Frankreich.
Und ich bin ganz ehrlich, früher haben wir uns in meiner Herkunftsfamilie an Heiligabend traditionell gestritten. Meistens über den Baum. Es war ein bisschen wie bei Loriot.
Aber zur Bescherung hatten wir uns alle wieder eingekriegt.
Heute machen wir es anders. Friedlicher – meistens zumindest. Aber den Baum schmücken wir weiter wie früher: erst kurz vor Heiligabend.
Deutschland im Advent: Lichterglanz für die Seele
Die Innenstädte in Frankreich haben oft wunderschönen Weihnachtsschmuck., und doch berührt mich der Lichterglanz in Deutschland anders. Ich gehe abends mit dem Hund durch die Straßen, sehe die Lichter in den Fenstern, die liebevoll geschmückten Vorgärten, dieses stille Glitzern. Und mir wird warm ums Herz.
Weihnachtsmärkte gibt es in Frankreich inzwischen viele — aber man merkt, dass die Tradition nicht dieselbe ist wie hier. In Deutschland ist es ein geselliges Zusammenkommen, ein lautes Lachen, ein Treffen mit Freunden, Kollegen, Familie.
Egal wie gut oder schlecht die überteuerte Bratwurst schmeckt.
Unsere eigene deutsch-französische Weihnachtskultur
Wir haben inzwischen unseren ganz eigenen Stil gefunden.
Mein Mann hat den Adventskalender absolut adoptiert und wartet jedes Jahr gespannt darauf, welche Farbe der Adventskranz bekommt. Gleichzeitig besteht er darauf, das große Menü selbst zu planen, einzukaufen und stundenlang in der Küche zu werkeln.
Das Ergebnis: eine für uns stimmige, schöne, ganz individuelle Balance.
Und dann kommt der Dezember… und alles wird verrückt
So sehr ich Weihnachten liebe: Der Dezember ist eine Zumutung für Mütter.
Schularbeiten, Noten, Wichtelgeschenke, Weihnachtsfeiern, Basarkekse, Plätzchenbacken, Geschenke einkaufen, Adventskalender, Karten schreiben…
Es ist fast ironisch: Die angeblich „besinnliche“ Zeit ist oft die anstrengendste.
Im Kindergarten fand ich es besonders wild: Bastelorgien ohne Ende. Und die Aufführung „Hänsel und Gretel“, in der mein Kind die dritte Ente von hinten war und zwei Mal „quak“ sagte — süß, aber endlos lang.
Was ich Müttern im Dezember noch lauter als sonst zurufe
„80 % reichen. Wirklich.“
Es ist doch so: Wir Mütter geben ständig 120 %, und nicht immer dankt man es uns gebührend – nämlich auf Superheldinnen-Level!
Der Spirit von Weihnachten ist nicht das perfekte Plätzchen, der makellose Adventskalender, die instagramfähige Deko.
Es ist die Vorfreude. Die Wärme. Die Nähe.
Letztes Jahr habe ich den Familien-Adventskalender eingeführt:
Vier Menschen, jeder packt sechs Päckchen.
Limitiertes Budget. Maximale Kreativität.
Die Kinder wurden von Konsumenten zu Mit-Gestaltern — und es war wirklich der lustigste Adventskalender unseres Lebens. (Ich sage nur: Playboy-Deo für den Bruder -und „irgendwas für die Lippe“ für Mama, „das Teuerste, was ich gekauft habe war für dich, Mama“. (Richtig so!)
Und für mich: so viel entspannter.
Dieses Jahr machen wir direkt weiter, und es lässt sich vielversprechend an!
Zum Schluss: Ein liebevoller Gedanke an dich
Falls du gerade durch den Dezember hetzt, zwischen Schulfeiern, Einkaufsliste, Weihnachtsmarkt und Gedankenkarussell:
Du musst nicht alles perfekt machen.
Du darfst glitzern, nicht funktionieren.
Und du darfst 80 % geben — sie fühlen sich oft wie 120 % an.
Weihnachten ist kein Wettbewerb.
Es ist eine Einladung: zu Wärme, zu Liebe, zu kleinen Momenten, die bleiben.
Und vielleicht zu einer Prise deutscher Tradition — ganz egal, wo du lebst.